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17.5.13

Fernbus: Die ergänzende Konkurrenz

Mal wieder etwas öffentlich-verkehrs-lastiges. Und zwar zu einem Thema, dass ich seit gut einem halben Jahr intensiv und aufmerksam verfolge: Die Fernbus-Liberalisierung in Deutschland!

Es war im April 2011, als die „Bombe“ platzte. Drei Studenten aus Baden-Württemberg hatten einen von der Deutschen Bahn AG angezettelten Prozess gewonnen. Das Bundesverwaltungsgericht entschied, dass gecharterte Busse für zuvor über Internet-Mitfahrzentralen organisierte Gruppenreisen rechtens seien und somit keine Konkurrenz zum de-facto-monopolgeschützten Fernverkehr der DB darstellten. Dieses Urteil ebnete den Weg zu einer Gesetzesänderung im Herbst 2012, welche nunmehr seit Januar 2013 den privaten (also nicht subventionierten) Fernbusverkehr in ganz Deutschland erlaubt. Zuvor war dies nur auf Strecken erlaubt, wo die Bahn „kein adäquates Angebot“ bot (ein relativ schwammiger Begriff) – und bei Verbindungen ab Berlin. Dies rührte von einer Regelung aus dem kalten Krieg, als Westberlin nur über DDR-Territorium erreichbar war und nur wenige Zugverbindungen in die übrigen Städte der BRD. Zudem die DDR diesen Verkehr allen verbindlichen Abkommen zum Trotz auch kappen können, weswegen man sich diese Ausnahmeregelung vorbehielt. Auch nach dem Mauerfall blieb diese bestehen. So war die Verbindung Berlin – Hamburg (wohlgemerkt von der DB-Tochter „Berlin Linienbus“ betrieben) lange Zeit die einzige Fernbus-Linie, die einigermaßen das Prädikat „attraktives Angebot“ verdiente. Hinzu kamen (und kommen auch heute noch) verschiedene Verbindungen von Berlin in die übrigen Gebiete Deutschlands, oft aber nur 1x täglich oder gar nur wöchentlich.


 MeinFernbus und Allgäu Airport Express am Carparkplatz Sihlquai in Zürich

Boomender Start
Nun ist dieser Markt eben seit genanntem 1. Januar 2013 liberalisiert. Lediglich Distanzen von weniger als 50 km dürfen weiterhin nicht bedient werden, um den von den Bundesländern subventionierten Regionalverkehr nicht zu konkurrenzieren. Seither ist das Angebot förmlich explodiert. Ganz vorne mit dabei ist das Berliner Start-Up-Unternehmen „MeinFernbus“, welches mit seinen apfelgrünen Bussen bereits ein verhältnismäßig dichtes Liniennetz von Rostock bis Lörrach und weiter bis Zürich anbietet. Das ehrgeizige Ziel: Bis Ende des Jahres soll die ganze Bundesrepublik flächendeckend mit Fernbuslinien erschlossen sein. In zumeist blau-orangen Farben sind die Busse des zweitgrößten Anbieters „FlixBus“ unterwegs, welcher dereinst auch deutschlandweit unterwegs sein möchte, derzeit aber die meisten Fahrten noch im südlicheren Teil des Landes anbietet. Dann wäre noch „DeinBus“ zu nennen, welcher klar als Pionier der Fernbus-Liberalisierung zu sehen ist. Dessen Betreiber waren es, welche die DB damals vor Gericht brachte (und dabei letztendlich verlor).

Seit kurzem drängt nun auch der international tätige Anbieter „National Express“ (u.a. größter Fernbus-Anbieter in Großbritannien) auf den Markt. Unter dem Namen „city2city“ hat dieser Anfang April ein erstes Netz im Korridor Frankfurt – Rhein-Ruhr aufgezogen. Nicht zu vergessen ist die erwähnte DB-Tochter „BerlinLinienBus“, diese baut ihr bestehendes Angebot weiter aus. Hier hat sich auch Aldi als Kooperationspartner rangeheftet. Im Herbst schließlich wollen denn auch ADAC und die Post ein Fernbus-Netz in Betrieb nehmen.

Komfort auch auf der Straße
Bahnfreunde (der ich ja auch bin) raufen sich teilweise die Haare ob dieses „straßenverlagernden Unsinns“. Einige Städte möchten Fernbusse denn auch am Liebsten aus ihren Städten draußen halten (Mehrverkehr), indem sie ihnen unattraktive Halteorte an der Peripherie zuweisen (Saarbrücken) oder völlig überlastete Busbahnhöfe/ZOBs nicht ausbauen wollen (Frankfurt/Main).

Ich war seit der Liberalisierung bereits selber dreimal per Fernbus unterwegs. Einerseits wollte ich mal sehen, ob der ganze Hype wirklich gerechtfertigt ist, andererseits um auch mal auf anderen Wegen zu meinem Ziel zu gelangen. 2x mit MeinFernbus (Freiburg – Köln, München – Freiburg), 1x mit dem Allgäu Airport Express (Zürich – München), welcher tariflich mit FlixBus kooperiert. Alle drei Fahrten waren reichlich unspektakulär, aber auch angenehm ruhig und entspannend. Das viel versprochene (und laut Facebook-Einträgen auf den jeweiligen Unternehmensseiten scheinbar wahnsinnig wichtige) WLAN war überall vorhanden, wenn auch teilweise mit zermürbender Geschwindigkeit, was aber auch den jeweiligen Netzanbietern geschuldet ist. Die angepriesenen Steckdosen konnte ich bei keinem Bus finden, der Allgäu Airport Express bot immerhin einen USB-Ladeanschluss an jedem Platz. Das Fahrpersonal war in allen drei Fällen freundlich, ohne große Ausreißer nach oben oder unten. Von der Beinfreiheit, die auch gerne ins Feld geführt wird, merkte ich nicht so viel. Mit 185 cm habe ich da aber auch weitreichendere (*muhaha*) Ansprüche. Auf zwei meiner drei Fahrten war der Bus auf die Minute pünktlich am Ziel, große Fahrzeitreserven schienen mir aber jeweils nicht veranschlagt. In einem Fall fischten wir 20 Minuten Verspätung, dort wurden wir von der Polizei herausgefischt, weil der Fahrer zu schnell unterwegs war...


 USB-Steckdosen im Allgäu Airport Express

Sind die neuen Fernbusse nun wirklich eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Bahn?
Ich denke, der eine oder anderen Bahnreisende ist bereits auf einen der gummibereiften Mitbewerber übergesprungen. Das Gros der Fahrgäste bestand einerseits aus jungen studentisch wirkenden Menschen, der Rest aus auffallend vielen älteren Reisenden. Beiden Gruppen wird jedenfalls gerne nachgesagt, zwar viel Zeit, aber eher wenig Geld zu haben. Ich vermute aber, dass viele Reisen mit den neuen Fernbussen gar nicht unternommen wären, wäre hier nur das Angebot der „teuren“ Bahn gewesen. So wird es sich die Studentin mit ihrem Bafög-Auskommen vielleicht künftig 2x im Monat leisten können, die Familie zu Hause zu besuchen, anstatt nur 1x im Monat per Bahn. Nicht zuletzt kann auch die Bahn von Fernbus-Reisenden profitieren. Nur selten liegt das Ziel einer solchen Reise direkt am Busbahnhof. Oft muss zumindest noch ein Anschlussfahrschein für Tram, Bus... oder eben die RegionalBahn gekauft werden. Geld, welches das entsprechende Nahverkehrsunternehmen ansonsten gar nicht eingenommen hätte, weil die dazugehörige Fernreise dorthin gar nicht erst angetreten worden wäre.

Nicht zu vergessen aber: Die Busunternehmen sind nicht an allgemeine Fahrplanwechsel im Juni oder Dezember gebunden. Sie können ohne große Verpflichtung eine unrentable Linie auch schnell wieder dicht machen. So wurde vor rund einem Monat die FlixBus-Verbindung Regensburg - Nürnberg mangels Nachfrage kurzerhand wieder eingestellt.

Trotz allem, die Fernbus-Liberalisierung macht auch Leute mobil, die es sich zuvor gar nicht oder nur schwer leisten konnten, zu verreisen. Und reisen bildet. Und erweitert den Horizont. Und in diesem Sinne haben die neuen Fernbusse etwas geradezu demokratisches an sich. Das kann ich eigentlich nur gut finden.

Selber werde ich ebenfalls weiterhin neue Linien ausprobieren (zwei Fahrten von der Spree bzw. Alster an die Limmat sind bereits gebucht), allerdings eher, um auch mal neue Strecken kennen zu lernen. Für „ernsthafte“ Fahrten, wo nicht der Weg das Ziel ist, werde ich aber weiterhin die Bahn bevorzugen, schon alleine weil ich im Bus nicht vernünftig arbeiten kann.

Geschäftiges Treiben am ZOB Freiburg i. Br.

AusblickIndes zeigt die Liberalisierung zeigt auch bei der DB erste Spuren. Mitte April hat man dort eine erste innerdeutsche IC-Bus-Linie hochgezogen, von Freiburg (Breisgau) nach München – rein zufällig auch die Paradestrecke von MeinFernbus. Zudem wird es ab Fahrplanwechsel im Dezember einen neuen Direktzug Basel – Freiburg (Brsg) – Stuttgart – München geben. Alles ein Verdienst des „bösen“ neuen Fernbusses.

Spannend wird auch, wieviele der neuen Anbieter auf lange Sicht überleben werden. Der eine oder andere Anbieter wird sicher von einem größeren Mitbewerber geschluckt werden. Ich hoffe aber, dass das bei vielen Anbietern angewandte Modell der Zusammenarbeit mit lokalen Bus- und Reiseanbietern weiterhin Bestand haben wird und somit auch kleine Busunternehmen mit dem Fernbus ein neues Auskommen finden können.

In diesem Sinne... fahrt grün! Oder gelb. Oder blau-orange. (oder natürlich auch weiterhin gerne Bahn) :-)

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