Wrzl-Blog

Trains, Toons & Rock'n'Roll. And more. And in deutsch. Now. Und jetzt.

30.11.08

Wash my world - unkonventionell

"Ich muss immer da, wo ich gerade bin, glücklich sein. Dadurch bin ich zwar woanders nicht glücklich, aber das macht nichts, weil ich ja dort grade nicht bin." So pragmatisch und einleuchtend dieser Satz ist, so vielseitig und abstrakt ist der Mensch und Kabarettist, welchem ich diesen Satz entlehnt habe.

Durch einen Gastauftritt anlässlich der Verleihung des Reinhard-Rings an Ursus & Nadeschkin Anfang Oktober 2008 wurde ich auf diesen quirligen, melierten Herren aufmerksam. Peter Spielbauer ist ein leidenschaftlicher Alleinunterhalter (dazu später mehr), Wortspielvirtuose, Fontäne des Spontanhumors, Dadaist und Weltverbesserer. Er schaffte es, mich an diesem Abend mit seinem nur zehnminütigen Auftritt derart in seinen Bann zu ziehen, wie dies nur wenige schaffen! Noch am selben Abend zog ich seine Homepage (bereits oben unter "Peter Spielbauer" verlinkt) heran, um nachzusehen, wann dieser begnadete Künstler zum nächsten Mal meine nähere Umgebung (= Schweiz und Umland) durchstreifen wird.

Dies war also vor einigen Wochen im aargauischen Bremgarten mit seinem Programm "Allerdings, allerdongs" der Fall, genauer im "Keller-Theater". Spielbauers einleitenden Worten zufolge auch das einzige Kellertheater in der Schweiz, welches sich im 3. Stock befindet! (alleine, dass diese Tatsache auch im Spielplan seiner Webseite so vermerkt ist, war definitiv ein Grund, diesem Auftritt beizuwohnen *g*)
Gleich zu Beginn seiner Aufführung wird uns die Sinnlosigkeit der Beschilderung im Theater vor Augen geführt. Tatsächlich entbehrt ein Pfeil mit der nebenstehenden Aufschrift "not Ausgang" (also "kein Ausgang") doch extrem an Nutzen. Weiter geht es mit dem Erscheinen eines Wollknäuels und dem Versuch, uns ein kleines Mitnehmsel in Form eines Pullovers, einer Socke oder eines String-Tangas zu stricken, wozu die gesamte Bühne mit einer wirren Verstrickung (Achtung, Wortwitz!) von Fäden dekoriert wird. Dazu gibt es ausschweifende und verspielte Vorträge über Schafe, der Beschaffenheit unserer Sonne und dem generellen Problem mit Standpunkten in unserer Welt.

Spielbauer schafft es bei seinen Auftritten immer wieder auf beeindruckende Weise, sein Publikum spontan in die Aufführungen miteinzubeziehen. Sei es, weil sich jemand erfrecht, in seine Monologe reinzuschneuzen, durch Aufforderungen ihm einfach mal irgendeine Frage zu stellen oder weil er in der ersten Reihe eine Dame gerade beim Hochziehen ihrer Strümpfe ertappt.

Im zweiten Teil scheint der bereits angetönte Weltverbesserer in ihm durch. Beim Angeln ("Der Angler angelt, aber warum fischt der Fisch nicht?") fällt ihm scheinbar zufällig eine Bürste in die Hände und der Wunsch keimt in ihm auf, diese Welt sauberer zu machen. Tanzend und singend reinigt er die Bühne, erklärt, wohin der ganze in die Reuss (ein wichtiges durch Bremgarten fließendes Gewässer) geschmissene Dreck hinfließt, und deklariert sich am Schluss gar selber als Gott.

Nach ausgiebigem Applaus, ebenso ausgiebigen Zugaben und immer schon zu Ende geglaubten Dankesreden sowie anschließendem Buchverkauf sind wir am Ende eines epochalen Abends angelangt. Die zweistündige Anfahrt nach Bremgarten hat sich wie erwartet gelohnt und ich werde Peter Spielbauer am 6.12. um 20:30 Uhr in Lörrach in der Kulturgaststätte Nellie Nashorn ein weiteres Mal beehren! Auch die CH-Premiere seines neuen Programms nächstes Jahr in Wädenswil ist bei mir bereits vorgemerkt.

Einen Besuch von Spielbauers Bühnenauftritten kann ich jedem nur herzlichst empfehlen, der einen gesunden Sinn für Wortwitz, Dadaismus und Kreativität besitzt. Leider beschränken sich seine Auftritte derzeit weitgehend auf den südlichen deutschen Sprachraum. Es bleibt zu hoffen, dass ihm auch bald in nördlicheren Gefilden der Durchbruch gelingt.
Leider gibt es von ihm (noch!) keinerlei DVDs oder irgendwelche YouTube-Videos, die man zur Veranschaulichung seines Gesamtauftritts hier vorweisen könnte. Dies ist umso bedauerlicher als dass man seine Darbietungen nur unzureichend in Worte fassen kann. Mir sei es hoffentlich gestattet, immerhin einen kurzen audialen Mitschnitt hier anzubieten, alleine schon wegen des unglaublichen Lokalbezugs zu meiner Wohnheimat (man verzeihe die miese Klangqualität und das wie immer alles übertönende Gelächter des Aufnehmenden):



Und zum endgültigen Abschluss noch einige wild zusammengewürfelte, aber nicht-vergessenswerte Zitate dieses kurzweiligen Abends:

"Wenn jemand nur so tut, als würde er seinem Hund ein Stöckchen schmeißen... und er hat gar keinen Hund, dann denkt natürlich jeder, dieser Mensch spinnt!"

"Ich würd mir mal wünschen, wenn die Sonne am Abend den Horizont berührt, dass sie dann nicht hinter dem Horizont verschwindet, sondern dass sie so ganz locker zwei-, dreimal auf dem Horizont aufditscht, dann kommt sie zur Ruhe. Dann rollt sie z.B. so nach links oder nach rechts, rollt schön dem Horizont entlang... wer am Horizont wohnt ist den Untergang gewohnt..."

"Die Sonne ist so brutal heiß. Es besteht auch viel Wasserstoff auf der Sonne. Viel zu viel Wasserstoff. Eigentlich sogar zuviel. Die Sonne regt sich auch auf... soviel Wasserstoff, so heiß, sie ist so groß. Die Sonne kriegt regelrechte Wutanfälle... 'BOAH! Alles so HEISS, so GROSS!!!' Bei diesen Wutanfällen wird dann ganz viel Energie frei und deswegen ist es bei uns dann warm!"

"Ich mag auch Schafe. Ich mag Schafe sehr gern. Ich mag Tiere, die sich zur Verfügung stellen. Guten Tag, ich bin ein Schaf. Sie können mit mir machen, was sie wollen...
Vor allen Dingen WOLLEN.
WOHLWOLLEND nähere ich mich dem Schaf. Was ich WOHL will? WOLLE will ich!"

"Auf der Hautoberfläche leben 6-7 Milliarden Mikroben. Soviele wie Menschen auf unserem Planeten leben... Ich bin ein Planet!
Sie haben vielleicht die ganze Zeit geglaubt, dies hier sei eine Solo-Vorstellung. Ganz im Gegenteil!"

"Es gibt Leute, die setzen sich zusammen um sich mal richtig auseinander zu setzen!"

"Der Angler angelt, aber der Fisch fischt nicht!"

"95% der Tiefsee sind unerforscht. Aber es ist schön, dass man das, was man nicht weiß, wenigstens prozentual eingrenzen kann."

"Ich bin verwirrt... aber ich bin immer verwirrt, deswegen verwirrt's mich nicht so sehr.
Ich habe ein Arbeitszimmer, aber es arbeitet nicht.
Und ich habe eine Steuererklärung... Nein. Macht sie auch nicht!"

"Wenn man Sachen weit herholt, werden sie nie naheliegend."



Und meine persönliche Quintessenz dieses Abends schlechthin:
"Was ist wichtig auf diesem eigenartigen Planeten? Und warum heißt dieser Planet eigentlich 'Planet!' und keiner macht's?
Warum leben wir auf einem IMPERATIV?
"

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